Der Kirschkuchen steht keine fünf Minuten auf dem Terrassentisch, da kreist schon die erste Wespe unter der Sahnehaube. Ende Juli ist in deutschen Gärten Hochsaison für Vespula vulgaris und Vespula germanica, und wer glaubt, im Juni sei es schon schlimm gewesen, hat das eigentliche Wespenjahr noch vor sich. Genau jetzt, zwischen Ende Juli und Anfang September, erreichen die Völker ihre größte Stärke, und genau jetzt ändern die Tiere ihr Verhalten so grundlegend, dass selbst Gärtner, die sonst gelassen mit Insekten umgehen, am Kaffeetisch die Nerven verlieren. Die gute Nachricht vorweg: Wer versteht, warum die Insekten gerade jetzt so aufdringlich werden, kann mit ein paar gezielten Maßnahmen den Rest des Sommers auf der Terrasse verbringen, ohne jede Mahlzeit zu verteidigen. Die schlechte Nachricht: Die meisten Hausmittel, die in Gartenforen kursieren, wirken kaum – während ein paar wenig bekannte, dafür aber gut belegte Kniffe tatsächlich einen Unterschied machen. Und beim Wespennest selbst gilt ohnehin eine andere Regel als beim lästigen Einzeltier am Kuchenteller, denn hier redet in Deutschland der Gesetzgeber mit.
Warum Wespen im Hochsommer plötzlich so aufdringlich wirken
Im Frühsommer sind Arbeiterinnen fast ausschließlich mit der Versorgung der Brut beschäftigt und jagen dafür Blattläuse, Raupen und andere Insekten, die sie zerkleinert an die Larven verfüttern. Im Gegenzug sondern die Larven ein zuckerhaltiges Sekret ab, das den Arbeiterinnen als Energiequelle dient – ein Tauschgeschäft, das bis Ende Juli meist reibungslos funktioniert. Sobald jedoch die letzten Larven verpuppt sind und keine neue Brut mehr nachkommt, verlieren die Arbeiterinnen diese Zuckerquelle von einem Tag auf den anderen und müssen sich selbst auf Nahrungssuche begeben. Genau in dieser Phase, die Insektenkundler den „Wespensommer" nennen, wird aus dem Nützling an der Blattlaus-Kolonie der Störenfried am Kuchenteller. Ein einzelnes Volk von Vespula germanica kann zu diesem Zeitpunkt mehrere tausend Arbeiterinnen zählen, und praktisch jede von ihnen sucht jetzt parallel nach Zucker statt nach Eiweiß.
Zwei Arten, ein Ruf – und eine, die zu Unrecht mit leidet
Verantwortlich für den Ärger am Esstisch sind praktisch immer zwei Arten: die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica), die sich nur durch feine Zeichnungsunterschiede am Kopfschild unterscheiden und beide Nester mit mehreren tausend Tieren bauen können. Die deutlich größere Hornisse (Vespa crabro) wirkt bedrohlicher, ist aber tatsächlich die zurückhaltendste unter den heimischen Faltenwespen und interessiert sich kaum für Kuchen oder Limonade. Auch die schlanke Feldwespe mit den charakteristisch herabhängenden Beinen im Flug gehört meist zu den harmlosen Gästen im Garten. Wer also reflexhaft nach jeder gelb-schwarzen Wespe schlägt, trifft in den meisten Fällen ausgerechnet die Art, die am wenigsten Grund zur Aufregung liefert.
Auch am Nest selbst lassen sich die beiden Hauptverdächtigen meist unterscheiden: Vulgaris und Germanica bauen ihre kugeligen bis birnenförmigen Nester aus grauem, papierartigem Material, das die Arbeiterinnen aus zerkauten Holzfasern und Speichel herstellen, und bevorzugen dabei geschützte Hohlräume – Rollladenkästen, Dachböden, alte Vogelnistkästen oder auch unterirdische Mäusegänge. Im Juni ist ein solches Nest oft noch nicht größer als eine Faust, bis Ende August kann daraus ein fußballgroßes Gebilde mit mehreren tausend Zellen werden. Hornissennester wirken dagegen häufig gröber und unregelmäßiger, weil die Art gerne morsches Holz statt frischer Fasern verarbeitet, was dem fertigen Nest eine bräunliche, holzige Struktur verleiht.
Was das Gesetz zum Wespennest sagt
Wer im eigenen Garten ein Wespennest entdeckt, darf es nicht einfach entfernen, absprühen oder mit Bauschaum verschließen – zumindest nicht ohne triftigen Grund. Alle heimischen Faltenwespenarten stehen unter dem besonderen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes, konkret nach § 44 Absatz 1, der es verbietet, Nester ohne behördliche Ausnahmegenehmigung zu zerstören oder die Tiere mutwillig zu töten. Für Hornissen gilt diese Regel besonders streng, weil die Art zusätzlich auf mehreren Roten Listen als gefährdet geführt wird. Verstöße sind keine Bagatelle: Je nach Bundesland und Einzelfall drohen Bußgelder von einigen hundert Euro bis in den fünfstelligen Bereich.
Ein Nest eigenmächtig mit Insektenspray zu fluten, kann im Extremfall teurer werden als jede professionelle Umsiedlung.
Wann eine Ausnahmegenehmigung möglich ist und was der Kammerjäger kostet
Eine Ausnahme lässt sich bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde beantragen, etwa wenn das Nest direkt über der Haustür, am Kinderzimmerfenster oder in unmittelbarer Nähe zu einer Person mit bekannter Wespengiftallergie sitzt. Wird die Ausnahme genehmigt, übernimmt in der Regel ein zertifizierter Schädlingsbekämpfer die Umsiedlung oder, wenn eine Umsiedlung nicht möglich ist, die fachgerechte Entfernung. Die Kosten dafür liegen je nach Lage und Größe des Nestes meist zwischen 80 und 250 Euro, bei schwer zugänglichen Nestern im Dachstuhl oder in der Rollladenkassette auch deutlich darüber. Für ein Hornissennest, das aufgrund des besonderen Schutzstatus meist nur durch spezialisierte Fachbetriebe umgesiedelt werden darf, sind eher 150 bis 300 Euro realistisch. Wenn Sie selbst unsicher sind, ob ein Nest überhaupt ein Problem darstellt: Ein Nest im hinteren Gartenbereich, drei Meter von jedem Sitzplatz entfernt, braucht in den allermeisten Fällen gar keine Genehmigung, weil schlicht kein Anlass zum Eingreifen besteht.
Was am Kaffeetisch tatsächlich hilft
Am wirkungsvollsten ist es, Wespen erst gar keinen Grund zu geben, an den Tisch zu kommen. Süße Getränke gehören unter eine Abdeckung oder in ein Glas mit Deckel, offene Limonadendosen sind besonders tückisch, weil Wespen unbemerkt hineinkrabbeln und dann beim Trinken zustechen können – ein Stich im Mund oder Rachen ist ein medizinischer Notfall, der jeden Sommer zu Notaufnahmebesuchen führt. Wir empfehlen außerdem, Fallobst unter Bäumen täglich aufzusammeln, denn überreife, gärende Früchte gehören zu den stärksten Lockstoffen der Saison. Eine einfache, aber wirksame Ablenkfalle lässt sich aus einer leeren Wasserflasche selbst bauen: oberes Drittel abschneiden, umgedreht in den unteren Teil stecken, mit Zuckerwasser, einem Schuss Essig und einem Tropfen Spülmittel füllen – die Wespen finden hinein, aber kaum wieder heraus. Diese Falle gehört an den Rand der Terrasse, nicht auf den Esstisch, sonst lockt sie erst recht Nachschub an. Halbierte Zitronenscheiben mit ein paar Gewürznelken darin, wie sie in manchen Küchenratgebern seit Jahrzehnten empfohlen werden, vertreiben Wespen allenfalls für kurze Zeit und in geringem Umfang – als alleinige Lösung am gedeckten Tisch reicht der Duft nicht annähernd aus.
Was garantiert nicht hilft
Die im Baumarkt beliebten Fake-Nester aus Papier sollen Wespen glauben lassen, das Revier sei bereits besetzt, doch Erfahrungsberichte von Schädlingsbekämpfern zeigen immer wieder, dass Vespula vulgaris und Vespula germanica sich davon kaum beeindrucken lassen. Auch Ultraschallgeräte, die in Online-Shops als Wespenschreck verkauft werden, konnten in unabhängigen Tests keine messbare Wirkung nachweisen. Wer eine Wespe wegwedelt oder gar erschlägt, löst zudem ein Alarmpheromon aus, das weitere Tiere aus der näheren Umgebung anlockt. Die bessere Wahl ist, ruhig sitzen zu bleiben und das Tier notfalls vorsichtig wegzupusten, statt hektisch mit der Hand danach zu schlagen.
Erste Hilfe bei einem Wespenstich: Was jetzt wirklich zählt
Ein einzelner Stich am Arm oder Bein ist bei den meisten Menschen unangenehm, aber ungefährlich: Kühlen Sie die Stelle sofort für etwa zehn Minuten mit einem in ein Tuch gewickelten Kühlpack, ziehen Sie den Stachel aber nicht mit den Fingern heraus, sondern kratzen Sie ihn seitlich mit einem Fingernagel oder einer Bankkarte ab, um nicht noch mehr Gift aus der Drüse in die Wunde zu drücken. Das klassische Hausmittel der halbierten Zwiebel auf dem Stich lindert bei vielen den Juckreiz spürbar, wissenschaftlich belegt ist die Wirkung allerdings nicht besonders gut, und ein kühlendes Gel aus der Apotheke wirkt in der Praxis meist zuverlässiger. Anders sieht es aus, wenn der Stich im Mund, Rachen oder direkt am Hals sitzt, wenn sich innerhalb von fünfzehn bis dreißig Minuten Atemnot, ein Kribbeln im ganzen Körper, Schwindel oder eine Schwellung im Gesicht zeigt, oder wenn jemand mit bekannter Wespengiftallergie gestochen wurde: In diesen Fällen zählt jede Minute, und der Anruf bei der 112 hat Vorrang vor jedem Hausmittel. Wer weiß, dass er allergisch reagiert, sollte im Sommer grundsätzlich ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor griffbereit haben – auch beim Kaffeetrinken auf der eigenen Terrasse.
Wespenfreundlicher Garten heißt vorbeugen statt bekämpfen
Wer im Frühjahr, also schon im März oder April, Ritzen im Dachstuhl, an Fensterläden oder in der Holzverkleidung des Gartenhauses verschließt, nimmt Jungköniginnen von vornherein die attraktivsten Nistplätze am oder im Haus. Mülltonnen sollten in den Sommermonaten stets mit gut schließendem Deckel versehen sein, und Essensreste auf der Terrasse gehören zügig weggeräumt statt über Nacht stehen zu bleiben. Verzichten Sie außerdem auf stark blumig-süß duftende Parfums und Sonnencremes, wenn Sie draußen essen möchten, denn diese Düfte wirken auf Wespen ähnlich anziehend wie Zuckerwasser. Bei anhaltender Hitze wie in diesem Sommer suchen Wespen zudem gezielt Wasserstellen auf, um Baumaterial anzufeuchten und das Nest zu kühlen: Ein flacher Teller mit Wasser und ein paar Kieselsteinen als Landeplatz, etwas abseits der Sitzecke aufgestellt, lenkt die Tiere zuverlässig vom Pool oder der Vogeltränke direkt neben der Terrasse ab.
Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel: Ein einziges Wespenvolk vertilgt über den Sommer geschätzt mehrere Kilogramm Blattläuse, Raupen und andere Gartenschädlinge – mehr, als die meisten im Gartencenter gekauften Nützlinge je leisten würden. Der Ärger am Kaffeetisch ist damit auch der Preis für eine kostenlose Schädlingsbekämpfung, die die wenigsten Gärtner überhaupt als solche wahrnehmen, solange kein Kuchen in Reichweite steht.
Spätestens mit den ersten kühlen Nächten im Oktober sterben die Arbeiterinnen der diesjährigen Völker. Nur die frisch geschlüpften Jungköniginnen überwintern geschützt in Mauerritzen, Komposthaufen oder morschem Holz und gründen im nächsten Frühjahr ein neues Volk – meist nicht am selben Platz wie in diesem Jahr.